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Personalisierte Medizin soll Schub bringen
Deutschlands größtes Biotech-Unternehmen Qiagen setzt künftig auf personalisierte Medizin. Der Sparzwang im Gesundheitswesen öffnet in diesem Bereich Perspektiven. Andere Pharmafirmen fürchten Umsatzeinbruch.
"Die Marktchancen sind riesig", sagte Finanzchef Roland Sackers der FTD. In den nächsten fünf Jahren soll sich der Umsatzanteil in diesem Segment verdoppeln. Die Branche sieht sich kurz vor dem Durchbruch. In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Markt für Medikamente der personalisierten Medizin auf zuletzt 13 Milliarden Dollar. Analysten rechnen mit jährlichen Wachstumsraten von bis zu 30 Prozent.
Dazu ist allerdings radikales Umdenken nötig. Da viele Arzneien nur bei Patienten mit bestimmten Genprofil helfen, soll vor allem bei den extrem teuren Krebsmitteln erst getestet werden, welches Medikament bei wem wirkt. Massenmedikamente haben hier ausgedient. Damit sparen die Kassen Millionen. Qiagen will hier verdienen, da das Unternehmen die entsprechenden Tests herstellt. "Langfristig wird man nicht nur bei Krebs mit personalisierter Medikation arbeiten, sondern auch bei Herzkreislauf-, Autoimmun- und anderen Erkrankungen", sagte Sackers.
Bislang hat sich Qiagen vor allem als Zulieferer für Labore einen Namen gemacht. Der Konzern ist unter anderem deshalb so erfolgreich, weil er sich nicht wie die meisten der chronisch geldknappen Biotechunternehmen auf die hochriskante und langwierige Entwicklung neuer Medikamente fokussiert hat, sondern vor allem Material und Maschinen für medizinische Analysen herstellt. So können mit Qiagen-Produkten Aids-, Grippe- oder Hepatitis-Tests gemacht werden, aber auch Lebensmittelprüfungen oder Genproben bei Verbrechen. Mittlerweile gilt das einstige Startup als aussichtsreicher Kandidat für einen DAX-Aufstieg.
Derzeit wandelt sich das Unternehmen mit Zukäufen und Partnerschaften vom Laborzulieferer zum eigenständigen Entwickler molekularer Diagnostik, worunter auch die personalisierte Medizin fällt. Mittlerweile hat Qiagen rund 20 Pharma-Partnerschaften für personalisierte Arzneien geschlossen. Derzeit entwickeln die Gen-Experten einen Test für Prexige von Novartis. Das Osteoporose-Mittel muss te wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen werden. Ein Test könnte nun jene Patienten ausschließen, bei denen Nebenwirkungen auftreten. Das Präparat könnte wieder auf den Markt kommen - ein Novum in der Branche.
Die Pharmakonzerne sind weniger angetan. Schließlich sinkt der Umsatz, wenn die Medikamente nur noch an bestimmte kleinere Patientengruppen verabreicht werden. Trotzdem wird ihnen laut Experten keine andere Wahl bleiben, weil der Sparzwang im Gesundheitswesen steigt. Medikamente werden künftig nur noch erstattet, wenn auch ihr Nutzen erwiesen ist. "Die Konzerne werden immer mehr in die Arme von Anbietern wie Qiagen getrieben", sagte Patrick Dieckhoff, Geschäftsführer des Branchendiensts Biocom. Doch trotz aller Euphorie geht das Geschäft erst zäh voran. In diesem Jahr will Qiagen mit personalisierter Medizin 50 Millionen Dollar umsetzen - ein kleiner Betrag im Vergleich zu den angestrebten 1,2 Milliarden Dollar insgesamt.
Weltweit gibt es erst wenige Arzneien, die gemeinsam mit einem Test auf dem Markt sind. "Die Entwicklung eines Biomarker-Tests kann ähnlich aufwendig sein wie bei einem Medikament", sagte Dieckhoff. Zu den wichtigsten zählen der Darmkrebs-Blockbuster Erbitux, für den Qiagen einen Test bereitstellt, und das Brustkrebspräparat Herceptin, mit dem Roche jährlich 3,4 Milliarden Euro umsetzt und selbst den Test bereitstellt. Auch die Konkurrenz hat den Markt entdeckt. Qiagen-Finanzchef Sackers gibt sich gelassen: "In zehn Jahren sind unsere Produkte vielleicht schon in der Drogerie erhältlich."
Quelle: www.boerse-online.de

BIOCOM 2010